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New Work - Ein Blick hinter das Buzzword


Max Braunleder ist Head of Marketing & Communications bei der TAM Akademie in Berlin, der ältesten Trainer-Akademie Deutschlands. In diesem Gastartikel gewährt er uns einen Blick hinter das Buzzword New Work.


New Work ist in aller Munde und seit einigen Jahren dabei, die Arbeitswelt kräftig wachzurütteln. In volatilen Zeiten von Pandemie, Digitalisierung, Globalisierung, Fachkräftemangel, demografischem Wandel und Co. gibt es schlichtweg zu viele Veränderungen, als dass ein Umdenken in der Arbeitswelt ausbleiben könnte.


Schon in den 80er Jahren war der Philosoph und Autor Frithjof Bergmann überzeugt, dass die Lohnarbeit mit 5-6 Tagen à 8 Stunden pro Woche Menschen krank, ökonomisch erpressbar, deprimiert und leistungsschwach macht. Menschen wurden seit der industriellen Revolution als Ressource gesehen, deren Zweck es ist, bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Nicht ohne Grund entwickelte sich der Begriff Human Ressoures. Ein Hinterfragen dieses Konzepts und das Neudenken von Arbeit, wie wir sie kennen, war lange Zeit nicht erwünscht.


Immer noch zeigen uns auch heute Indikatoren wie eine Verdreifachung der Burnout Diagnosen im vergangenen Jahrzehnt, dass Arbeit immer noch zu häufig maßgebliche Probleme hervorruft.


Es überrascht also kaum, dass sich um das Buzzword New Work viele Mythen gebildet haben und es gar eine ganze Bewegung hervorgebracht hat, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese zu entmystifizieren.


Also: lasst uns aufräumen!


Kicker, Bürohund & Obstkorb - ist das schon New Work?

Nein.


Das Thema könnte man mit dieser klaren Aussage abkürzen.


Selbst, wenn Unternehmen einen Kicker ins Büro stellen, um Mitarbeitenden mehr Spaß und Entspannung am Arbeitsplatz zu bieten. Selbst, wenn der Obstkorb die ausgewogene Ernährung fördern und eine salutogenetische Grundlage schaffen soll.

Diese Aspekte allein sind noch längst nicht “New Work”.


New Work ist ganzheitlich gesehen ein Überbegriff für das Abschaffen der “Knechtschaft der Lohnarbeit”, wie Frithjof Bergmann es einst beschrieb. Im Grunde lässt sich New Work anhand von 5 Prinzipien beschreiben, die der New Work Think Tank “humanfy” entwickelt hat:

  1. Freiheit

  2. Selbstverantwortung

  3. Sinn

  4. Entwicklung

  5. Soziale Verantwortung

Erst, wenn Unternehmen es schaffen, diese 5 Prinzipien vollumfänglich zu erfüllen, kann man von vollkommener, echter New Work sprechen (da das in der Praxis kaum möglich ist, könnte man aber auch sagen, dass das aktive Fördern dieser 5 Prinzipien schonmal ein richtig guter Weg zur New Work sind).


1. Freiheit

Menschen brauchen Freiräume, um sich mit der Gestaltung einer positiven (Arbeits-)Zukunft auseinandersetzen zu können. Unternehmen müssen einen Raum für Experimente, für das Ausprobieren von Neuem und für die freiheitliche Entfaltung des Individuums schaffen.


Auf der Mikro-Ebene geht es hierbei oft um das freie Einteilen von Arbeits- und Urlaubszeit, die freie Wahl des Arbeitsortes, die freie Verfügbarkeit von Wissen und von Möglichkeiten der Erweiterung des individuellen Horizonts, die Möglichkeit freier Kollaboration im Unternehmen oder auch um das Schaffen einer Unternehmenskultur mit einem hohen Grad an psychologischer Sicherheit, um frei Fehler machen und Meinungen äußern zu können.


2. Selbstverantwortung

Damit Freiheit nicht im Chaos endet, müssen New-Work-Unternehmen Selbstverantwortung und Selbstorganisation aktiv fördern.


Dies geschieht z.B. durch das Abbauen von Hierarchien mit dem gleichzeitigen Anwenden des sogenannten Subsidiaritätsprinzips. Dieses besagt, dass “höhere” Verantwortungsebenen nur dann in den Entscheidungsprozess eingreifen sollten, wenn die Möglichkeiten des Einzelnen, einer kleineren Gruppe oder einer niedrigeren Hierarchie-Ebene allein nicht ausreichen, eine bestimmte Aufgabe zu lösen.


Klingt immer noch sehr nach Old-Work?

Dann noch mal so: Die Person, die sich in der Lage fühlt, eine Entscheidung zu treffen, darf diese auch treffen.


That’s it!


Darüber hinaus müssen Unternehmen selbstverantwortliches Handeln incentivieren, Mitarbeitende am Unternehmenserfolg partizipieren lassen und den passenden Rahmen schaffen, damit Mitglieder eines Unternehmens selbstverantwortlich ihre Freiräume erkennen, nutzen und sinnstiftend ausweiten können.


3. Sinn

Das Verbinden von einer ökonomischen, finanziellen und kulturellen Wertschöpfung mit der Erfüllung eines Individuen-Sinns ist einer der zentralen Aspekte von New Work.


Unternehmen müssen auf allen Ebenen das “Why” erarbeiten, um New Work aktiv leben zu können:


Warum sind wir Teil dieses Wirtschaftssektors? Warum sind wir als Unternehmen? Warum sind wir als Team? Warum ist das individuum bei uns und welchen Sinn möchte es erfüllen?


Sind all diese Fragen mit einem klaren Purpose versehen und operationalisiert, kann man sich dem vierten Punkt widmen:


4. Entwicklung

In einer Welt stetiger Veränderung ist das Setzen neuer Impulse unabdingbar. Unternehmen müssen lernen und sich weiterentwickeln, um schritthalten zu können. Eine Lernklultur, die die ständige Weiterentwicklung von Mitarbeitenden und Führungskräften gleichermaßen vorantreibt, Strukturen, die trotz eines vollen Arbeitslebens Lernräume integrieren und der generationenübergreifende Austausch sind essenzielle Teile der New Work.


Egal ob Fachkompetenzen, Softskills oder das Lernen von anderen Unternehmen. Organisationen müssen in der New Work Zeit und Geld investieren, interne Lernformate schaffen und ein Verständnis schaffen, indem ein Ausruhen auf vergangenen Erfolgen undenkbar wird.


Sätze wie “das haben wir immer so gemacht” haben in New Work nichts zu suchen. Selbstreflexion und das Aufbrechen dysfunktionaler Strukturen sind der Kern des New-Work-Wandels.


5. Soziale Verantwortung

New Work funktioniert nur, wenn Unternehmen die Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft, ohne die sie nicht existieren könnten, übernehmen.

New-Work-Unternehmen wirtschaften ökologisch, nachhaltig und ethisch/moralisch korrekt. Sie nutzen ihre Innovationskraft, um wirtschaftliche Potenziale mit einem positiven Impact auf ihre Umwelt zu verbinden.


Diese fünf Prinzipien zu verinnerlichen und danach zu arbeiten, klingt auf den ersten Blick für viele wirtschaftlich orientierte Unternehmen häufig überwältigend.

Natürlich ist es dann deutlich einfacher, lediglich “New Work Büros” zu bauen, einen Kicker hinzustellen und zu sagen “Arbeite von zu Hause, wann du willst. Dann sind wir ja schon ‘New Work’”.


Um jedoch New Work ganzheitlich zu leben, müssen all diese fünf Prinzipien angegangen werden. Selbst, wenn dies nur in kleinen Schritten, durch minimale Implementierungen geschieht: Jeder Teil der Organisation, der dazu beiträgt, auf diese Prinzipien einzuzahlen, ist gleichzeitig Multiplikator für das New-Work-Big-Picture.


Dies führt letztendlich zu einer Strahlkraft nach außen, die dazu führen wird, dass die besten gleichgesinnten Kandidaten für dieses Unternehmen arbeiten wollen, die besten Unternehmensstrukturen und Wertschöpfungsketten wachsen und das Unternehmen selbst in volatilen Zeiten auch wirtschaftlich stabil dasteht.